Worte zu Werken – des paroles pour des œuvres, Marie-Pierre Walliser (-Klunge)

Textura Grande

Aus dem blauen Himmel schweben rote Stahlstäbe herunter, die dank Helikopterkunst sanft auf der Botta-Terrasse vor einem der Dürrenmattschen Häuser landen, wobei die einen sich mit voller Wucht in den Boden zu bohren trachten, andere sich aufbäumen und wieder das Weite suchen, andere hingegen in der neuen Umgebung Ruhe anstreben , obgleich es keinem vergönnt ist, den eigenen Weg zu gehen, werden sie doch alle mit strenger Präzision und vermutlich auch gottähnlicher Gewalt zusammengehalten, sie sind ja zusammengeschweisst, man muss nämlich feststellen, dass sie aus einer Textura herauswachsen, einem Gitter vielleicht, in dem das Gefängnis Schweiz¹ liegt, oder aber auch umgekehrt, einem Gewebe, das die Vernetzung zwischen Erdesinnern und Kosmos, wenn nicht sichtbar und fühlbar macht, so doch erahnen lässt, was den Stäben ihrerseits trotz aller Wildheit eine seltsame Eleganz verleiht, die eigentlich von Farbe und Material her, jener als Kulisse für die Komödie Die Panne² geeigneten Farbe und jenem für die Mistgabel des die Ställe des Augias ausmistenden Herkules³ verwendbaren Material, nicht unbedingt zu erwarten ist, jedoch die wunderbare Begegnung zwischen zwei Bernern widerspiegelt, die jeder meisterhaft auf seine Art die Verflechtung als Bild und Mittel auf der Suche nach Unaussprechbarem nutzen.


Anmerkung: Der Text versucht sich an den Dürrenmattschen Prosastil, insbesondere des Spätwerkes,
anzunähern, weshalb er auch einen einzigen Satz enthält.


¹ Anspielung auf Dürrenmatts Rede Die Schweiz – Ein Gefängnis (1990)
² Die Panne. Komödie (1979)
³ Anspielung auf die Komödie Herkules und der Stall des Augias (1954/1980) und die
gleichnamige Gouache (1963)


Textura

Stahl violett beschichtet.

In der Mitte ein Gitter von je drei flachen Stäben.

Senkrecht fahren drei Stäbe nebeneinander in eine schlanke, aber feste Säule hinunter. Gegen oben entfalten sie sich nach einem kurzen koordinierten Aufstieg ganz frei, wobei sich der mittlere, etwas dünnere, ein wenig zaghafter hinaus wagt. Zuerst fliegen sie auseinander, dann schwingen sie zurück und umtanzen sich, bevor sie in der Schwebe zwischen nah und fern innehalten.

Waagrecht sind die Stäbe kürzer, zurückhaltender, in sparsameren Bewegungen das Hinweg und Zurück und Ringsum mit zeichnend, dem Freiheitsdrang der Senkrechten jedoch eine Ausbalancierung bietend.

Es geht um eine Vertikalität mit der klaren Aussage: Kein Aufwärtsstreben ohne Verwurzelung und ohne Balance, keine Verspieltheit ohne Bodenbezug und ohne Ausgleich, wie es die Bäume vormachen, wie es Baumeister und Yogis seit alters her wissen.

Bemerkenswert ist der Ausgangspunkt der Bewegung, nämlich von der Mitte aus, vom Gitter, vom Geflecht, von der Textura eben, von der aus alles strahlt, vertikal auf der Suche nach Erdung und Eigenständigkeit, horizontal nach artistischem Gleichgewicht. Ginge die Bewegung von der Sohle zum Scheitel oder umgekehrt, sie wäre naturgegeben, es fehlte ihr der schöpferische Kern.

Diese solid-ätherische Form entwächst einer Gegensätzlichkeit zwischen Material und Farbe. Stahl ist das Sinnbild der Widerstandsfähigkeit und der Unerschütterlichkeit. Violett hingegen ist die Farbe des Kronenchakras, und dieses siebte und höchste Chakra ist das Bewusstseinszentrum der Spiritualität. Material und Farbe paaren somit physische Festigkeit und geistige Öffnung.

Wie Marc Reist aus der Schwere des Marmors die Leichtigkeit eines Fazzoletto zaubert, vereint er Unverwüstliches und Immaterielles und macht daraus ein Gitter zur Freiheit.


Horizonte

Acryl auf Leinwand

Drei Silberfäden fallen,
drei Silberfäden steigen,
Sie fangen meinen Blick
und lenken ihn ins Weite,
hinaus ins Fremde, ins Freie,
wo Leichtigkeit des Seins
und Ewigkeit des Nichtseins
sich vereinen.
 

Acryl sur toile

Trois fils d’argent descendent,
Trois fils d’argent remontent,
Ils ondoient dans les brumes,
Ils m’invitent à les imiter
Pour méditer et m’envoler
Vers un espace de liberté
Où l’instant et l’éternité
Se confondent.


Evolution

Das Weiss hab ich vom Erdesinnern,
und hart hat mich die Zeit gemacht,
ich wiege schwer, ich fühle mich leicht
und spiele mit luftigen Bögen.

Ich glänze im Wasser, ich funkle im Licht –
Berührst du mich, liebkos ich dich
und singe dir das alte Lied
vom ewigen Weitertreiben.
 

Les entrailles de la terre m’ont blanchie,
Le temps et les vents m’ont durcie,
Des mains d’artiste m’ont découpée
Pour me libérer de la gravité.

Je m’étire, je danse, je scintille,
Et si tu caresses ma douce pierre,
Elle te révélera mon appétit
De l’infini.


Swiss Navigation

Wir sind vier halbe rote Kugeln,
Wir haben grosse Antennen aus Stahl,
Wir sitzen gar fein auf schwarzen Quadraten,
Getrennt von einem weissen Kreuz.
Die menschliche Nähe bringt uns in Schwung,
Dann grüssen wir, dann tanzen wir,
Wir spielen auf, wir verneigen uns,
Berühren wollen wir uns nicht.

Denn wir sind auch die Landessprachen,
Wir pflegen Kontakte zur ganzen Welt,
Wir leben in vier Landesteilen,
Geeint sind wir durchs Schweizer Kreuz.
Das menschliche Wirken treibt uns zu Taten,
Dann grüssen wir, dann plaudern wir,
Und wir gestalten und wir regulieren,
Doch eigenständig bleiben wir.
 

Nous quatre demi-sphères rouges,
Aux longues antennes d’acier,
Nous occupons des carrés noirs,
Séparés par une croix blanche.
La chaleur humaine nous meut,
Alors nous saluons, dansons,
Divertissons, rendons hommage,
Mais nous gardons nos distances.

Nous quatre langues nationales,
Aux contacts dans le monde entier,
Nous vivons dans diverses terres,
La croix suisse étant notre lien.
L’énergie humaine nous meut,
Alors nous saluons, causons,
Nous projetons, légiférons,
Mais chacune a son quant-à-soi.


Textura

Auf rotem Boden gedeiht ein Geflecht,
Gar weiss, gekrönt von feinen Zinnen.
Subtil, geschmeidig und elegant
Empfängt es das Licht in seinem Gewebe.

Sein edler Marmor atmet tief,
Er nimmt die Stimmung der Stunde auf,
Er strahlt die Kraft der Ewigkeit aus:
Beständig und unbeschwert zugleich.
 

Toute en souplesse, une texture blanche
Se dresse, élégante, sur un sol rouge
Et saisit habilement la lumière
Sous sa couronne de petits créneaux.

Son noble marbre est un poumon puissant,
Qui inhale la saveur du présent,
Qui exhale un parfum d’éternité,
Conjuguant résistance et insouciance.


Fazzoletto

Marmor und Basalt gepaart
Singen uns das Lied des Seins,
Weiss und schwarz wie Yang und Yin.
Hart die Steine, weich die Geste,
Zärtlich, schirmend, schwebend das Weiss,
Standfest, kraftvoll, ruhend das Schwarz:
So erzählen Tag und Nacht
Liebesspiel und Lebensbahn.
 

Quand marbre et basalte s‘emboîtent,
Blanc et noir comme yang et yin,
Quand le blanc se mue en pochette,
Légère, tendre et protectrice,
Que le noir reste un roc solide,
Refuge et résistance en un,
Les jours et les nuits de la vie,
De l’amour aussi se révèlent.